Docs als öffentliches Kulturgut!

Unabhängig und frei verfügbar – Docs als öffentliches Kulturgut!

Die dokumentarischen Genres in ihrer ganzen Bandbreite sollten durch ein neuartiges Finanzierungsmodell unter einer Creative Commons Lizenz für die Öffentlichkeit frei verfügbar gemacht werden:

Öffentliches Geld = Öffentlicher Dokumentarfilm

Ob die Erfindung des Buchdrucks oder die digitalen Errungenschaften, neue bahnbrechende Entwicklungen haben Gesellschaften schon immer umfassend neu geordnet. Durch die Digitalisierung sind Informationen noch viel einfacher zu vervielfältigen und zu verbreiten, als auf traditionelle analog-mechanische Weise. Das führt dazu, dass alte Strukturen, Institutionen, Ökonomische Modelle und soziokulturelle Handlungsmuster erodieren, neue bilden sich heraus.

Im Folgenden wird der Entwurf einer digitalen Plattform beschrieben, die das dokumentarische Genre in seiner ganzen Bandbreite durch ein neuartiges Finanzierungsmodell dauerhaft unter einer Creative Commons Lizenz für die Öffentlichkeit frei verfügbar macht. Dieses Modell wurde konzipiert, um die Diskrepanz zwischen ökonomischen und soziokulturellen Bedürfnissen auszuräumen.

Teilen

Das Teilen von Inhalten, ist nicht erst durch die sozialen Medien zur alltäglichen Handlung geworden. Teilen ist das, was Menschen schon immer mit kulturellen Materialien gemacht haben. Indem alte Materialien zusammengefügt und an aktuelle Situationen angepasst werden, werden neue Ideen und Deutungen geschaffen. Teilen bedeutet teilhaben und nur das Gemeinsame kann Teil des Alltags und einer Selbstverständlichkeit werden.

Dass Medien Kategorien des Denkens und Maßstäbe des Urteilens beeinflussen steht ausser Frage. Die Möglichkeit glaubwürdige Bezüge zur Wirklichkeit herzustellen ist daher für eine demokratische Gesellschaft in Zeiten gezielter Desinformation, vereinfachten, zugespitzten und teilweise sogar bewusst verfälschten Medien, sowie Gefühlsräume die sich von Empörungsgemeinschaften bis zu Wohlfühl-Bubbles ausdehnen, außerordentlich bedeutsam.

Durch die digitale Transformation wächst der Stellenwert und der Bedarf von audiovisuellen Medien fortlaufend. Dokumentarisches Erzählen, in seinen vielen Arten und Funktionen, ist ein gesellschaftlich gewünschtes und beliebtes Gut.

Krise

Trotzdem steckt der Dokumentarfilm aber in einer wirtschaftlichen und dadurch auch in einer inhaltlichen Krise.

Die Disruption des Geschäftsmodells des abgestuften Ausschlusses von Konsumenten, also der schrittweisen Veröffentlichung auf unterschiedlichen Medien und der Verkauf an unterschiedliche Territorien, schreitet durch das Internet, dessen neuen globalen Distributionswege und die Möglichkeiten zur kostenlosen Vervielfältigung rapide voran. Nur durch eine immer stärkere Einschränkung der Rechte privater Nutzung durch Verbote, künstliche Limitierung, Beschneidungen und Beschränkungen der Zuschauer, wie auch der technischen Möglichkeiten ist der Schatten des etablierten Auswertungsmodells, meist unter prekären Verhältnissen, noch aufrecht zu erhalten. Die Folgen für die Dokumentarfilmbranche ist eine fragmentierte Industrie mit kleinen Budgets innerhalb einer disruptiven Förderlandschaft, Fachkräftemangel und Filmemacher*innen, die zunehmend Schwierigkeiten haben, eine angemessene Entlohnung für ihre Arbeit zu erwirtschaften, bzw. überhaupt die Herstellungskosten der Inhalte kostendeckend zu refinanzieren. So werden professionelle Dokumentarfilmschaffende durch die bestehenden prekären Verhältnisse mehr und mehr dazu gezwungen, marktkonforme Inhalte zu produzieren und so geschäftliche Interessen über inhaltliche, oder gesellschaftlich relevante Bedeutung zu stellen – und das, obwohl nahezu alle Filme mit staatlicher Förderung oder von den durch die Haushaltsabgabe finanzierten Öffentlich-Rechtlichen Anstalten produziert werden. Die Zuschauer sind  folglich Finanzié und Unterstützer und werden gleichzeitig durch die Zunahme von Limitierung zur Aufrechterhaltung eines ökonomischen Modells, sowie schlechtem Programm bestraft – ein Paradoxon.

Diversität

Gerade vom dokumentarischen Genre sollte die Gesellschaft aber eine möglichst verlässliche und gleichzeitig facettenreiche Repräsentation einer immer widersprüchlicher und krisenhafter erscheinenden Realität erwarten.

Die Abbildung globaler gesellschaftlicher Umwälzungen, sowie pluraler Wirklichkeiten, sind universelle Prämissen für das gesellschaftliche Zusammenleben. Sie lassen sich nur in der Diversität von personeller Besetzung, vor und hinter der Kamera, sowie breitgefächerten Narrationen und Formen, wiederfinden.

Studien zeigen, dass die Generation U-50 sich längst vom linearen Fernsehen verabschiedet hat und auf Streamingdienste wie Netflix, Amazon oder YouTube ausgewichen ist. Geboren aus den Gesetzmäßigkeiten der diversen, vielschichtigen Informationsgesellschaft der digitalen Welt bieten diese Dienste eine willkommene Alternative zu den starren Formaten der sogenannten “verwertbaren” Filme unseres öffentlichen Finanzierungssystems.

Public Value

Die Folge ist, dass die Definitionsmacht der audiovisuellen Inhalte im Netz vorwiegend den großen Plattformen, wie YouTube (Google), Netflix, Amazon etc. überlassen wird. Was diese Medienproduzenten weder im Blick haben wollen noch müssen, ist der Public Value, also das Allgemeinwohl. Hinter einer Bezahlschranke darf jedes zahlende Mitglied das qualitativ hochwertig produzierte Angebot uneingeschränkt nutzen. Dafür wird die Herstellung mit einem Total Buy Out, meist plus Bonus, vergütet. Ein anderes Modell ist der kostenfreie Content, wie bei YouTube, wo die Hersteller*innen der, meist einfach und günstig erstellten Inhalte, wenn überhaupt, nur marginal, durch Werbeeinnahmen finanziell abgespeist werden.

An dieser Stelle drängt sich die Frage auf, welchen Stellenwert Kultur und Wissen in unserer digitalen Gesellschaft einnehmen sollen? Soll die Definition des digitalen Raums vornehmlich den wirtschaftlichen Interessen amerikanischer Monopole und europäischen Verlagen und Vertrieben überlassen werden? Welche strukturellen Veränderungen müssten als Anpassung an die technischen Möglichkeiten durch die Digitalisierung und der damit einhergehenden Veränderung der soziokulturellen Praxis in der Gesellschaft, vorgenommen werden? Welche gesellschaftlichen Effekte würden sich daraus ergeben?

Der Prozess individueller und öffentlicher Meinungsbildung durch freie und diverse Medien ist für die Demokratie alternativlos. In diesem Beitrag skizzieren wir deshalb ein innovatives Produktions- und Distributionsmodell, mit Bedacht auf den sozialen Raum des Kinos als Austausch und Kommunikationsort, für das dokumentarische Genre.

Ziel ist es insgesamt auch ein Tool zu schaffen, das ein unabhängiges Geschichtsbild und kollektive Erinnerungen außerhalb der Kontrolle der großen digitalen Monopole und ökonomischen Zwängen prägt.

Dabei orientieren wir uns an dem in der Wissenschaft längst etablierten Modell von “Open Access”. Es geht dabei also nicht um die (ebenfalls notwendige) Reparatur von Fehlentwicklungen und Anachronismen im bestehenden System. Vielmehr wollen wir mit einem Alternativvorschlag vorangehen und mit vergleichsweise geringen Mitteln ein zukunftsfähiges, nachhaltiges und beispielhaftes Parallel-Modell entwickeln. Hier sollen inhaltlich hochqualitative und gleichzeitig von ökonomischen Interessen vollkommen unabhängige Produktionen entstehen, die überall dort Relevanz entfalten können, wo das bisherige System versagt. Dabei schließen wir uns zudem auch dem in der Politik momentan viel besprochenen Diskurs um “Open Source”, “Public Money = Public Code”, in der Entwicklung einer digitalen Infrastruktur an.

Die geplante Plattform ist eine notwendige Ergänzung zu den bestehenden Strukturen und der Versuch einen entscheidenden Schritt in eine gesellschaftlich tragfähige mediale Zukunft zu gehen.

Hinter der Forderung nach gleichen Zugangschancen und nach gleichberechtigter Teilhabe für alle steht nichts Geringeres als die Frage, wie wir leben wollen – als Filmschaffende und/oder Filmsehende.

 

Creative Commons (CC)

Alleinstellungsmerkmal unseres Vorschlages ist die konsequente Veröffentlichung aller im Rahmen dieser neuartigen Förderung entstehenden Programme auf einer Open Source Plattform, unter Creative Commons Lizenzen. Öffentliches Geld soll hier, ohne Wenn und Aber, zu öffentlichem Gut werden.

Creative Commons bietet als bereits etabliertes Lizenzmodell Urhebern (bzw. Rechteinhabern) die Möglichkeit unter unterschiedlichen Bedingungen ihre Werke zur Nutzung frei zu geben. Um zu gewährleisten das auch Bearbeitungen der Werke im Kreislauf frei zugänglicher dokumentarischer, audiovisueller Inhalte bleiben, bietet sich die Lizenz CC-BY- SA an. BY gewährleistet die Attribution, die Urheber*in muss also immer genannt werden. SA besagt, das auch Bearbeitung des Werkes wieder unter der gleichen Lizenz veröffentlicht werden müssen.

Vergabe der Gelder

Die Voraussetzung für eine Veröffentlichung unter einer Creative Commons Lizenz ist, dass die Herstellungskosten zu 100% gedeckt sein müssen. Dabei muss auch die Situation von freien Filmschaffenden mitgedacht werden, die keine regelmäßiges Gehalt und durchgehende Bezahlung haben. Kreatives Prekariat und Altersarmut müssen vermieden werden!

Der Verwaltungs- und Zeitaufwand soll – natürlich unter Maßgabe der Beachtung der nötigen Kriterien – so gering wie möglich gehalten werden.

Gremiums- oder Redaktionsmitglieder sind bei der Bewertung von Themenvorschlägen meist von ihren persönlichen Vorlieben, ihrem Vorwissen, ihren aufgrund von Geschlecht, Alter, Bildung, Herkunft geprägten Erwartungshaltungen nicht gänzlich frei. Aus diesem Grund favorisieren wir ein teil-randomisiertes Modell nach dem Vorbild von “Experiment!”, einer Wissenschaftsförderung der Volkswagenstiftung.

Dazu prüft vorab eine Jury die anonymisierten Einreichungen auf die Einhaltung der Förderkriterien und ermittelt alle grundsätzlich förderwürdigen Projekte. Eine Kurzbeschreibung dieser Vorhaben ist ausreichend und reduziert so den Aufwand aller Beteiligten. Die Kriterien für die Förderung definieren sich über Diversität in Inhalt, Form und Personen vor und hinter der Kamera (genaue Faktoren und Rahmenbedingungen müssen noch entwickelt werden). Der inhaltliche Rahmen der Grundgesetze und demokratische Werte darf nicht verlassen darf. So sind z.B. Propaganda oder menschenverachtende Inhalte ausgeschlossen.  Für jede “Diversitätskategorie” wird von der Jury ein herausragendes Projekt ausgewählt. Alle anderen geprüften Projekte nehmen an einer Lotterie teil, durch die eine festzulegende Zahl weiterer Projekte gefördert wird. Zu weiteren Förderprogrammen gehören eine Postproduktionsförderung, sowie der Selbstverleih bei Kinoauswertungen zur Unterstützung der Kinos.

Die maximale Budgethöhe im Verhältnis zur Menge der geförderten Projekte orientiert sich am Rahmen des Fördertopfes, muss aber ein angemessenes Total Buy Out gewährleisten. Eine wiederkehrende Prüfung der finanziellen Rahmenbedingungen und entsprechende Anpassungen an Inflation etc. sind die Grundlage für ein dauerhaft funktionierendes System.

Plattform

Die Plattform soll auf der Basis von Open Source nachhaltig programmiert und mit einer ressourcenschonenden Infrastruktur ausgestattet werden.

Annotation, Remix und Bildersuche schafft Teilhabe der User und die Möglichkeit durch Korrelieren von Daten und Inhalten Mehrwerte und neues Wissen zu schaffen.

Es besteht weiter die Überlegung andere, auf CC basierende Inhalte, wie zB historische Datensätze der Europeana mit einzubinden und so auch professionelle audiovisuelle Arbeiten auf Basis von Archivmaterial möglich zu machen, was einen Mehrwert für die oft brachliegenden historischen Digitalisate der Museen darstellt. Nach einer gewissen Zeit wird sich außerdem ein Archiveffekt herstellen, der es ermöglicht, dass andere Produktionen aus dem Pool an Bildern schöpfen können. Das würde einen positiven Effekt auf die Produktionskosten anderer Werke, aber auch auf die Umwelt, der an dieser Stelle Reisen, Energieverbrauch etc. erspart bleiben würde.

Eine Kino- und Festivalauswertung für geeignete Filme sollte auf jeden Fall mit bedacht werden.

 

 

 

Category
Digital, Documentary
Tags
creative commons, dokumentarfilm, öffentliches Geld gleich öffentliches Gut