SANDRA TROSTEL | Docs als öffentliches Kulturgut!
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Docs als öffentliches Kulturgut!

Unabhängig und frei verfügbar – Docs als öffentliches Kulturgut!

Konzept für ein völlig neues, beitragsfinanziertes Produktions- und Distributionsmodell

 

Die dokumentarischen Genres in ihrer ganzen Bandbreite werden durch ein neuartiges Finanzierungsmodell unter einer Creative Commons Lizenz für die Öffentlichkeit frei verfügbar gemacht:

 

finanziert durch 2% der Haushaltsabgabe, vergeben durch ein teil-randomisiertes Modell, veröffentlicht auf technischer Open Source Basis und nachhaltig und ressourcenschonend konzipiert. 

 

Medien, Zuschauer*innen und Filmschaffende sehen sich durch den digitalen Wandel mit grundsätzlichen Veränderungen konfrontiert. Alte Strukturen, Institutionen, ökonomische Modelle und soziokulturelle Handlungsmuster erodieren, neue bilden sich heraus. Wir Filmschaffende sind gefragt, diese aktiv mitzugestalten.

Unser Modell zielt auf die immer weiter auseinanderklaffende Lücke zwischen ökonomischen und soziokulturellen Bedürfnissen.

 

Öffentliches Geld = Öffentlicher Dokumentarfilm

 

Die Digitalisierung ermöglicht immaterielles Gut ohne Verluste unendlich zu teilen. Teilen bedeutet teilhaben und nur das Gemeinsame kann Teil des Alltags und einer Selbstverständlichkeit werden.

Durch die digitale Transformation wächst der Stellenwert von, und der Bedarf an, audiovisuellen Medien fortlaufend. Dokumentarisches Erzählen in seinen zahlreichen Arten und Funktionen stellt ein gesellschaftlich gewünschtes und beliebtes Gut dar, um Realität zu hinterfragen, komplexe Themen zu erforschen, unterschiedliche Perspektiven zu verstehen und rationale Argumente mit komplexen, oft sozialen und moralisch  motivierten  Emotionen zu verbinden.

Doch die Disruption des Geschäftsmodells des abgestuften Ausschlusses von Konsumenten schreitet durch die neuen globalen Distributionswege und die Möglichkeiten zur kostenlosen Vervielfältigung rapide voran: Konventionelle Formen der Filmvermarktung, nämlich die schrittweise Veröffentlichung auf unterschiedlichen Medien und der Verkauf an unterschiedliche Territorien, werden zunehmend obsolet. Nur durch eine immer stärkere Einschränkung der Rechte privater Nutzung durch Verbote, künstliche Limitierungen und Beschränkungen sowohl des Zuschauerzugangs als auch der technischen Möglichkeiten, ist der Schatten des etablierten Auswertungsmodells, meist unter prekären Verhältnissen, noch aufrecht zu erhalten. Die Folge für die Dokumentarfilmbranche ist eine fragmentierte Industrie mit kleinen Budgets innerhalb einer komplizierten Förderlandschaft, Fachkräftemangel und Filmemacher*innen, die schon seit vielen Jahren Schwierigkeiten haben, eine angemessene Entlohnung für ihre Arbeit zu erwirtschaften, bzw. überhaupt die Herstellungskosten der Inhalte kostendeckend zu refinanzieren. So werden professionelle Dokumentarfilmschaffende durch die bestehenden prekären Verhältnisse mehr und mehr dazu gezwungen, marktkonforme Inhalte zu produzieren und so geschäftliche Interessen über inhaltliche oder gesellschaftlich relevante Bedeutung zu stellen – und das, obwohl nahezu alle Filme mit staatlicher Förderung oder von den durch die Haushaltsabgabe finanzierten öffentlich-rechtlichen Anstalten produziert werden. Die Zuschauer sind  somit zwangsläufig Finanziers und Unterstützer dieses ökonomischen Modells und werden gleichzeitig durch die Zunahme von Limitierung zu dessen Aufrechterhaltung mit einem gleichförmigen, durchformatierten Programm bestraft – ein Paradoxon.

Hier skizzieren wir ein innovatives Produktions- und Distributionsmodell für das gesamte dokumentarische Genre: Dokumentarfilme, Dokumentationen, dokumentarische Serien, sowie cross- und transmediale Vorhaben. Insbesondere soll auch dem Kino als wichtigem sozialen Raum, als Austausch und Kommunikationsort, Rechnung getragen werden.

Alleinstellungsmerkmal unseres Vorschlags ist die konsequente Veröffentlichung aller im Rahmen dieser neuartigen Förderung entstehenden Programme unter Creative Commons Lizenzen. Öffentliches Geld soll hier ohne Wenn und Aber zu öffentlichem Gut werden. 

Dabei orientieren wir uns an dem längst etablierten Modell von “Open Access”. Dieses ermöglicht inhaltlich hochqualitative und gleichzeitig von ökonomischen Interessen vollkommen unabhängige Produktionen, die überall dort Relevanz entfalten können, wo das bisherige System versagt. Dabei schließen wir uns zudem auch dem in der Politik momentan intensiv geführten Diskurs um “Open Source”, “Public Money = Public Code”, in der Entwicklung einer digitalen Infrastruktur an.

 

 

Versagen des ÖRR

Dr. Thorolf Lipp beschäftigt sich im Rahmen seiner Vorstandstätigkeit für die Arbeitsgemeinschaft Dokumentarfilm schon länger mit dem Versagen des ÖRR und hat daraus für das Projekt eine Finanzierungsstrategie erarbeitet:

„Im Widerspruch zu seiner überragenden gesellschaftlichen Bedeutung stehen die Ressourcen, die die öffentlich-rechtlichen die Anstalten dem dokumentarischen Genre zubilligen. Die ARD Anstalten lassen sich alle dokumentarischen Produktionen zwischen 10 und 90+ Minuten gerade einmal 0,77% ihrer Gesamteinnahmen kosten, beim ZDF sind es 2,4%. Innerhalb unseres öffentliche-rechtlichen Mediensystems ist das dokumentarische Genre aber das meritorische Gut par excellence. Diese Zahlen zeigen jedoch, wie weit sich die tatsächliche Praxis der Anstalten von ihrem gesetzlichen Auftrag entfernt hat.

Finanzierung des Projektes

Wie soll eine Finanzierung mit Beitragsgeldern, aber ohne Einbeziehung der Anstalten, konkret aussehen?

Der § 40 des derzeit noch in Beratung befindlichen Medienstaatsvertrages regelt bereits, dass die mit derzeit ca. 1,89 Prozent der Beitragsgelder finanzierten Landesmedienanstalten lokalen und regionalen Rundfunk fördern dürfen. Wir setzen auf eine Ausweitung dieser Regelung und fordern, das Budget der Landesmedienanstalten um zwei Prozent zu erhöhen. Diese 2% sollen dann ausschließlich in das hier beschriebene Projekt fließen. Diese ca. 160 Millionen EUR jährlich machen das Projekt möglich.“

 

 

Vergabe der Gelder und das Gütesiegel “Docs for Democracy”

Zu den Voraussetzungen für eine Veröffentlichung unter einer Creative Commons Lizenz gehört eine auskömmliche Finanzierung in Form eines Global Buyout. Die Situation von freien Filmschaffenden, die nicht über Festanstellungen, regelmäßiges Gehalt oder durchgehende Bezahlung verfügen, wird in diesem Modell explizit mit einbezogen, um kreatives Prekariat und Altersarmut zu vermeiden!

Wir favorisieren ein teil-randomisiertes Modell für die Vergabe von Produktionsgeldern. Dazu prüft vorab eine Jury die anonymisierten Einreichungen auf die Einhaltung der Förderkriterien und ermittelt alle grundsätzlich förderwürdigen Projekte anhand einer Kurzbeschreibung und wählt für jede Kategorie ein Projekt aus. Die Kriterien für die Förderung definieren sich über Diversität in Inhalt, Form und Personen vor und hinter der Kamera, gesellschaftlich relevante Themensetzung sowie Vereinbarkeit mit Grundgesetz und Pressekodex. Alle anderen geprüften Projekte nehmen an einer Lotterie teil, durch die eine festzulegende Zahl weiterer Projekte gefördert wird. Zu weiteren Förderprogrammen gehören eine Postproduktionsförderung, sowie der Selbstverleih bei Kinoauswertungen.

Genaue Faktoren und Rahmenbedingungen werden anhand eines Kriterienkataloges entwickelt. Dr. Paul Klimpel, Jurist und Kulturmanager, schlägt zudem vor, ausgewählte Filme mit dem Gütesiegel “Docs for Democracy” auszustatten.

 

Plattform

Die Plattform wird auf Basis von Open Source nachhaltig programmiert und mit einer ressourcenschonenden Infrastruktur ausgestattet werden.

Annotation, Remix und Bildersuche schafft Teilhabe der Nutzer*innen und die Möglichkeit durch Korrelieren von Daten und Inhalten Mehrwerte und neues Wissen zu schaffen.

Darüber hinaus können auf CC basierende Inhalte, wie z.B. historische Datensätze der Europeana eingebunden und so auch professionelle audiovisuelle Arbeiten auf Basis von Archivmaterial ermöglicht werden. Dies stellt auch einen Mehrwert für die oft brachliegenden Digitalisate der Museen dar. Der stetig wachsende Bestand und  Zugang zu Archivmaterial ermöglicht weiteren Produktionen, aus dem Pool an Bildern zu schöpfen, was sich wiederum positiv auf die Produktionskosten anderer Werke, aber auch auf die Umwelt auswirkt, da Reisen, Energieverbrauch etc. verringert werden.

Für die Kino- und Festivalauswertung geeigneter Filme ist eine eigene Förderschiene vorgesehen.

 

Das Konzept  erhöht die Sichtbarkeit des dokumentarischen Genres und ist Ausdruck von gesellschaftlicher und kultureller Vielfalt.

Hinter der Forderung nach gleichen Zugangschancen und nach gleichberechtigter Teilhabe für alle steht nichts Geringeres als die Frage, wie wir leben wollen – als Filmschaffende und/oder Filmsehende.

 

Text & Idee: Sandra Trostel 

Mitarbeit: Susanne Dzeik

Mit Eingaben von Dr. Thorolf Lipp und Dr. Paul Klimpel

 

 

 

Category
Digital, Documentary
Tags
creative commons, dokumentarfilm, öffentliches Geld gleich öffentliches Gut