Dokumentarfilm als öffentliches Kulturgut

Teilen, Remixen, Neu Bewerten

(erschienen bei Wikimedia)

 

Ein Interview mit Sandra Trostel.
Hinweis: Sandra Trostel stellt anlässlich des 20. Geburtstags der deutschsprachigen Wikipedia ihren Film All Creatures Welcome der Wikipedia und dem Freien Wissen zur Verfügung!

 

Sie setzen sich dafür ein, dass öffentlich finanzierte Dokumentarfilme unter freier Lizenz langfristig verfügbar gemacht werden sollen – wieso befürworten Sie das als Kreative?

 

Ich persönlich mache Dokumentarfilme über die Gesellschaft – für die Gesellschaft. Ich möchte also, dass meine Filme gesehen werden und zur Reflektion relevanter Themen beitragen. Freie Lizenzen bedeuten für mich nachhaltige Sichtbarkeit sowie nachhaltige Nutzung und Nachnutzung. Dazu gehört, dass die Arbeiten dauerhaft auffindbar bleiben, denn Dokumentarfilme sind immer auch Zeitdokumente. Sie sind Teil unserer Geschichte und dürfen nicht, z.B. aus finanziellen Gründen, in den Untiefen der Archive verschwinden. Digitale Technologien ermöglichen eine Vervielfältigung fast ohne Kosten, dagegen stehen die Auswertungsmechanismen und Finanzierungsmodelle der Medienindustrie, die auf künstliche Verknappung und Limitierung setzen. Vor allem beim Öffentlich-rechtlichen Rundfunk ist das unverständlich. Ein weiterer Punkt ist, dass wir mit frei lizenzierten Dokumentarfilmen im Netz tatsächlich auch den Blick auf die Gesellschaft mitgestalten könnten.

 

Inwiefern?

 

Frei verfügbar gibt es im Netz gegenwärtig recht viel demokratiefeinliche Propaganda und Fake News, die sich als Dokumentarfilme bezeichnen – ob Klimawandel-Leugner-Doku oder QAnon-Rechtfertigungen. Es geht darum, einen entscheidenden Beitrag zur Definition von Bewegtbild-Inhalten im Netz zu leisten – indem wir mit der Forderung nach freien Lizenzen für die Abbildung von Diversität und Vielfalt eintreten. Zudem hätten wir so den marktkonform hergestellten Dokumentationen, die meist nur über die Plattformen der großen Monopole hinter Bezahlschranken zugänglich sind, etwas entgegenzusetzen.

 

Wie sollte ein Modell freier Lizenzen bei den Öffentlich-Rechtlichen Sendern konkret ausgestaltet werden?

 

In der Gesellschaft ist der Irrglaube verbreitet, der Öffentlich-Rechtliche decke mit der Haushaltsabgabe intern alle Kosten für das Programm. Dem ist leider überhaupt nicht so. Große Teile der Produktionskosten werden an die freien Kreativen, die Herstellenden und Produzierenden mit dem Hinweis durchgereicht, dass sie ihre Arbeiten ja weitergehend verkaufen könnten. Zudem ist das Drücken von Löhnen seit Jahren gängige Praxis in diesem Bereich, die Öffentlich-Rechtlichen nutzen also ihre Oligopolstellung aus, wo es nur geht. Filmhersteller*innen sollten also erstmal in die Lage gebracht werden, sich die Veröffentlichung unter freien Lizenzen leisten zu können.

 

Was braucht es dafür?

 

Im Kern geht es um die angemessene und vollständige Finanzierung sämtlicher Herstellungskosten und darüber hinaus die Bildung von Rücklagen, Sozialversicherung, Altersvorsorge und Krankenversicherung aller an der Produktion beteiligten Gewerke und Mitarbeitenden und natürlich die Möglichkeit zur Neuentwicklung von Stoffen. Wir reden also von einem Total Buy Out, wie er in anderen Branchen, zum Beispiel in der graphischen Gestaltung, durchaus üblich ist. Nur so können aus öffentlichem Geld auch öffentliche dokumentarische Arbeiten werden: von der Gesellschaft bezahlt, gemeinwohlorientiert an die Gesellschaft zurückgegeben.

Pea Chesh, CC BY 2.0

 

Wo sehen Sie Schieflagen im System der Öffentlich-Rechtlichen?

 

Ich sehe strukturelle Schieflagen auf vielen Ebenen. Zum einen bei der Abbildung der Diversität unserer Gesellschaft. Dafür braucht es nicht nur eine Variationsbreite der Inhalte oder der dargestellten Personen, ihrer Hintergründe, Milieus und Themen, sondern auch eine Diversität bei den der Macher*innen und den dokumentarischen Formen. Zum Anderen steckt der ÖRR zu viel Geld in Fußball und disproportional teure Talkshows, Intendantengehälter und Renten, die weit über den Einkünften der heutigen Programmmacher*innen liegen. Außerdem ist das Redaktionssystem schwerfällig und die entstehenden Filme formal stark durchreglementiert. Freie, nicht fest formatierte Sendeplätze gibt es fast nicht mehr.

 

Was ist Ihre Forderung?

 

Der ÖRR bräuchte dringend eine Reform. Ich bezweifle aber, dass dieser schwerfällige Apparat so umgekrempelt werden kann, dass er den neuen Technologien und den dadurch entstehenden kulturellen und gesellschaftlichen Herausforderungen gerecht werden kann. Deswegen die konkrete Forderung nach einem Alternativmodell: min. zwei Prozent der Haushaltsabgabe sollten pro Jahr für dokumentarische Produktionen aufgewandt werden – über eine Direktbeauftragung der Filmemacher*innen sowie der Produzierenden, gekoppelt an ein teil-randomisiertes Vergabemodell, wie es etwa in der Wissenschaft praktiziert wird.

 

Was könnte sich dadurch gerade auch für die Kreativschaffenden verbessern?

 

Eine schlanke Verwaltung würde Mittel für kreative Vielfalt freisetzen. Und es wäre gewährleistet, dass das Geld unbürokratisch dorthin fließt, wo es gebraucht wird, so dass ein gesellschaftlicher Mehrwert überhaupt entstehen kann. Das System des Produzierens unter freier Lizenz wäre außerdem ressourcenschonender, weil man – sofern es mit Persönlichkeitsrechten vereinbar ist – auf bereits produzierte Bilder zurückgreifen könnte. Man müsste z.B. nicht fünf Mal im Jahr den Reichstag drehen.

 

Wo sollten wir beim Urheberrecht umdenken?

 

Mit dem Urheberrecht sollen eigentlich künstlerische Arbeiten finanziert werden. So wie es jetzt gestaltet ist, passiert das aber oft nicht und führt mittelbar zu prekären Zuständen bei den Kreativen. Zudem verhindern stetig weiter ausgedehnte Urheberrechtslaufzeiten, dass nachfolgende Generationen ihre Kultur und ihren Platz in der Gesellschaft selbst definieren können, denn Teilen, Remixen und neu bewerten sind identitätsstiftend und waren schon immer Teil soziokultureller Praxis.
Um den digitalen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts aber wirklich umfänglich gerecht zu werden, braucht es nicht nur Nachbesserungen an einzelnen Stellen, sondern umfassende Veränderungen durch neue Modelle und Strukturen, auch über das Urheberrecht hinaus.

 


 

Dokumentarfilm 4.0 – warum brauchen wir neue Modelle für die Finanzierung, Produktion und Veröffentlichung von non-fiktionalem Bewegtbild

 

Ob die Erfindung des Buchdrucks oder die des Internets, neue bahnbrechende Entwicklungen haben Gesellschaften schon immer umfassend umstrukturiert.

Durch die Digitalisierung können Informationen unendlich kopiert, geteilt und verbreitet werden. Diese einfache, aber folgenreiche Wahrheit führt dazu, dass alte Strukturen, Institutionen, Ökonomische Modelle und soziokulturelle Handlungsmuster erodieren und neue entwickelt werden müssen.

 

Teilen

 

Durch die digitale Transformation wächst der Stellenwert und der Bedarf von audiovisuellen Medien fortlaufend. Dokumentarisches Erzählen, in seinen vielen Arten und Funktionen, ist ein gesellschaftlich gewünschtes und beliebtes Gut.

Das Teilen von Inhalten, ist nicht erst durch die sozialen Medien zur alltäglichen Handlung geworden. Teilen ist das, was Menschen schon immer mit kulturellen Materialien gemacht haben. Indem alte Materialien zusammengefügt und an aktuelle Situationen angepasst werden, werden neue Ideen und Deutungen geschaffen. Teilen bedeutet teilhaben und nur das Gemeinsame kann Teil des Alltags und einer Selbstverständlichkeit werden.

Dass Medien Kategorien des Denkens und Maßstäbe des Urteilens beeinflussen steht ausser Frage. Die Möglichkeit glaubwürdige Bezüge zur Wirklichkeit herzustellen ist daher für eine demokratische Gesellschaft in Zeiten gezielter Desinformation, vereinfachten, zugespitzten und teilweise sogar bewusst verfälschten Medien, sowie Gefühlsräume die sich von Empörungsgemeinschaften bis zu Wohlfühl-Bubbles ausdehnen, außerordentlich bedeutsam.

 

Krise

 

Trotzdem steckt der Dokumentarfilm aber in einer wirtschaftlichen und dadurch auch in einer inhaltlichen Krise.

Die Disruption des Geschäftsmodells des abgestuften Ausschlusses von Konsumenten, also der schrittweisen Veröffentlichung auf unterschiedlichen Medien und der Verkauf an unterschiedliche Territorien, schreitet durch das Internet, dessen neuen globalen Distributionswege und die Möglichkeiten zur kostenlosen Vervielfältigung rapide voran. Nur durch eine immer stärkere Einschränkung der Rechte privater Nutzung durch Verbote, künstliche Limitierung, Beschneidungen und Beschränkungen der Zuschauer, wie auch der technischen Möglichkeiten ist der Schatten des etablierten Auswertungsmodells, meist unter prekären Verhältnissen, noch aufrecht zu erhalten. Die Folgen für die Dokumentarfilmbranche ist eine fragmentierte Industrie mit kleinen Budgets innerhalb einer disruptiven Förderlandschaft, Fachkräftemangel und Filmemacher*innen, die zunehmend Schwierigkeiten haben, eine angemessene Entlohnung für ihre Arbeit zu erwirtschaften, bzw. überhaupt die Herstellungskosten der Inhalte kostendeckend zu refinanzieren. So werden professionelle Dokumentarfilmschaffende durch die bestehenden prekären Verhältnisse mehr und mehr dazu gezwungen, marktkonforme Inhalte zu produzieren und so geschäftliche Interessen über inhaltliche, oder gesellschaftlich relevante Bedeutung zu stellen – und das, obwohl nahezu alle Filme mit staatlicher Förderung oder von den durch die Haushaltsabgabe finanzierten Öffentlich-Rechtlichen Anstalten produziert werden. Die Zuschauer sind  folglich Finanzié und Unterstützer und werden gleichzeitig durch die Zunahme von Limitierung zur Aufrechterhaltung eines ökonomischen Modells, sowie schlechtem Programm bestraft – ein Paradoxon.

 

Studien zeigen, dass die Generation U-50 sich längst vom linearen Fernsehen verabschiedet hat und auf Streamingdienste wie Netflix, Amazon oder YouTube ausgewichen ist. Geboren aus den Gesetzmäßigkeiten der diversen, vielschichtigen Informationsgesellschaft der digitalen Welt bieten diese Dienste eine willkommene Alternative zu den starren Formaten unseres öffentlichen Finanzierungssystems.

 

 

Diversität

 

 

Gerade vom dokumentarischen Genre sollte die Gesellschaft aber eine möglichst verlässliche und gleichzeitig facettenreiche Repräsentation einer immer widersprüchlicher und krisenhafter erscheinenden Realität erwarten.

Die Abbildung globaler gesellschaftlicher Umwälzungen, sowie pluraler Wirklichkeiten, sind universelle Prämissen für das gesellschaftliche Zusammenleben. Sie lassen sich nur in der Diversität von personeller Besetzung, vor und hinter der Kamera, sowie breitgefächerten Inhalten und Formen, wiederfinden.

 

 

Public Value

 

Die Definitionsmacht der audiovisuellen Inhalte im Netz wird vorwiegend den großen Plattformen, wie YouTube (Google), Netflix, Amazon etc. überlassen wird. Was diese Medienproduzenten weder im Blick haben wollen noch müssen, ist der Public Value, also das Allgemeinwohl. Hinter einer Bezahlschranke darf jedes zahlende Mitglied das qualitativ hochwertig produzierte Angebot uneingeschränkt nutzen. Dafür wird die Herstellung mit einem Total Buy Out, meist plus Bonus, vergütet. Ein anderes Modell ist der kostenfreie Content, wie bei YouTube.

An dieser Stelle drängt sich die Frage auf, welchen Stellenwert Kultur und Wissen in unserer digitalen Gesellschaft einnehmen sollen? Soll die Definition des digitalen Raums vornehmlich den wirtschaftlichen Interessen amerikanischer Monopole und europäischen Verlagen und Vertrieben überlassen werden? Welche strukturellen Veränderungen müssten als Anpassung an die technischen Möglichkeiten durch die Digitalisierung und der damit einhergehenden Veränderung der soziokulturellen Praxis in der Gesellschaft, vorgenommen werden? Welche gesellschaftlichen Effekte würden sich daraus ergeben?

Hinter der Forderung nach gleichen Zugangschancen und nach gleichberechtigter Teilhabe für alle steht nichts Geringeres als die Frage, wie wir leben wollen – als Filmschaffende und/oder Filmsehende.

 

 

Category
Digital, Documentary
Tags
creative commons, dokumentarfilm, öffentliches Geld gleich öffentliches Gut